Archive for the Geschichten Allgemein Category

Gefangen

Posted in Geschichten Allgemein with tags , , , , , on 25. September 2019 by Wortman

Da war es wieder. Wie er es haßte. Es, dieses leichte Vibrieren unter seinen Füßen. Jedesmal, wenn diese Vibrationen verstummten, dauerte es wieder nur Sekunden, bis etwas Metallisches in ihn eindrang. Manchmal auch sehr schnell hintereinander.
Dann wurde ihm wieder einmal bewußt, daß er wohl ewig gefangen war.
Wieder einmal versuchte er, was er für seine Beine hielt, in Bewegung zu setzen. Doch sie rührten sich nicht. Wie gerne würde er fortlaufen. Irgendwohin, wo es ruhig, friedvoll und schön war. Wo er nicht mehr mit diesen metallenen Dingern malträtiert wurde. Wo er ganz er selbst sein konnte.
Seine Augen. Jeder Versuch, etwas zu sehen, endete mit der Erkenntnis, wieder einmal nur seltsame, kleine bunte Bilder wahrzunehmen, die sie mochten. Sie, die ihm wieder einmal dieses Metall in seinen Körper steckten.
Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Die Vibrationen waren verstummt. Schon spürte er das Metall, wie es eindrang, langsam, dann immer schneller werdend, in seinem Körper nach unten rutschte. Dann durchdrang ihn der Schmerz eines Schlages. Er versuchte sich zurückzuhalten. Doch so sehr er sich auch bemühte, es hatte keinen Erfolg. Er mußte etwas aus seinem Inneren preisgeben. Es wurde ihm sofort weggenommen.
Das Vibrieren unter seinen Füßen entfernte sich wieder. Die Ruhe kehrte zurück. Eine trügerische Ruhe. Denn jederzeit konnten sie zurückkommen. Er träumte wieder von einem Ort, wo es friedvoll war.
Irgendwann werde ich auch dort sein!
Dieser Gedanke war es, der ihn all diese Qualen erdulden ließ.

Wer sagt, daß ein Zigarettenautomat keine Seele hat?

© 2001 by T.R. aka Wortman

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Bis das der Tod euch scheidet

Posted in Geschichten Allgemein with tags , , , , , on 7. Februar 2019 by Wortman

„Heiraten im Kloster der heiligen Jungfrau. Einzigartig im bayerischen Wald. Bei uns lässt sich der gemeinsame Lebensweg gut beginnen.“
Zufrieden nickte der Tod. Was er da auf der Website des Klosters las, gefiel ihm. Genau so etwas hatte er gesucht. Ein wenig Abwechslung in seinem Alltag. Hin und wieder ein kleiner Scherz.
„Bis dass der Tod euch scheidet“, murmelte er lächelnd, klappte seinen Laptop zu und machte sich auf den Weg.
„Schön habt ihr´s hier!“, rief der Tod erfreut, nachdem er einen ersten Blick auf das ehemalige Benediktinerkloster geworfen hatte. „Ja“, nickte er, „hier hat´s mir schon damals – wann war es noch gleich – irgendwann 1000 Jahre nach dem Tischlerbuben, genau, da war ich das erste Mal hier. So ein Steinmetz, der von einem Steinbrocken erschlagen worden war.“
Dem Tod wurde es nostalgisch im Gebein. Die anderen Jahrhunderte hatte er stets seine Schergen hierher geschickt. Er selbst brauchte Abwechslung und die stand ihm in seinem anstrengenden Gewerbe auch zu. Neugierig sah er sich um. Es hatte sich einiges verändert. Aber diese schöne
Lage in der sich das heutige Tagungszentrum befand, ja, die hatte sich nicht verändert. Und wer glaubt, dass der Tod nicht auch romantische Gefühle haben kann, der irrt.

Und da sah er das glückliche Paar bereits. Die Braut in einem Traum aus weißer Seide, mit einem sehr gewagten Ausschnitt, während der Bräutigam in einem dunkelblauen Frack – waren die nicht immer schwarz? – steckte und eine riesige Fliege vor sich her trug. Nun, wem´s gefiel. Die Geschmäcker waren freilich verschieden. Für den Tod kam ausschließlich schwarz in Frage, selbst in der Freizeit.
„Bis das der Tod euch scheidet“, flötete der Sensenmann mit gespitzten Lippen und warf Arme voll imaginärer Rosen über das Paar.
Da, nun hielten sie Einzug in den wunderschön geschmückten Hochzeitssaal. Warum wurde die Braut eigentlich nicht von ihrem Vater oder einem anderen männlichen Familienmitglied zum Altar geführt? Der Tod zog die Stirn in Falten. An die 100 Gäste und niemand der dies tun konnte? Wahrscheinlich war es eine dieser neumodischen Sitten.
Nun denn, es wurde Zeit, dass er sich auf seine Aufgabe konzentrierte.Während sich der Bräutigam so unauffällig wie möglich mit seinem Einstecktüchlein die Schweißtropfen von der Stirn wischte, lehnte sich der Tod aus seiner Ecke, in der er lauerte hervor und nahm sein Opfer ins Visier.
Die Orgel brauste auf, der Priester drehte sich zu seiner Gemeinde um und bat mit huldvoller Geste, Platz zu nehmen. Stühle wurden über den Steinboden gezogen, Kleider raschelten, leise Flüche von Fußgetrampelten waren zu vernehmen. Auch die Brautleute ließen sich auf den vorm Altar aufgestellten Stühlen nieder.
Die Zeremonie konnte beginnen. Es wurden Gebete gesprochen, Lieder gesungen und Tränen von Taschentüchern aufgesogen. Das Übliche eben. Der Tod verkniff sich nur mühsam ein Gähnen. Endlich rückte die eigentliche Trauung näher. Nun aber rasch, damit es nicht zu spät war. Die Organistin intonierte den Sonnengesang des Franz von Assisi und der Priester sang gefühlvoll sein „Laudato si…“. Der Tod schüttelte sich. Warum durfte ein Mann Priester werden, dessen Stimme des Singens nicht mächtig ist?

Nachdem der letzte Ton verklungen war, begann der Priester die Worte: „Wir sind heute hier zusammen gekommen…“
Der Bräutigam fasste sich an seinen weißen Kragen und zog daran. Erneut war seine Stirn übersät mit Schweißtropfen.
„… um diese Frau und…“
Ein Stöhnen hallte durch den Saal, dem gleich darauf ein dumpfer Aufprall folgte. Die Gäste verstummten für einen Moment, dann ertönten Schreie, aufgeregte Rufe nach einem Arzt und lautes Weinen.
„Bis das der Tod euch scheidet.“ Der Sensenmann blickte zufrieden auf den am Boden liegenden Priester. „Eine neue Variante des alten Spruches.“ Mit einem Lächeln drehte er sich um und verschwand.

©2019 Nicole Vergin

So witzig…

Posted in Geschichten Allgemein with tags , , , , , , , on 3. November 2017 by Wortman

Kennen Sie das, wenn ein Keramikmesser wie von Selbst durch eine Semmel gleitet?
Butterweich eindringt und mühelos das Innere durchtrennt?
Da macht das Schneiden einfach nur Spaß.
Ach ja: Nicht zu vergessen dieser herrliche Gesichtsausdruck und die aufgerissenen Augen.
Er oder auch sie will überhaupt nicht lächeln, wenn sie mit einer Semmel vergleiche.
Dabei ist das doch so witzig…
Das Herumschneiden geht jedenfalls beides gut.

©2017 T.R. aka Wortman

Wohin gehst du?

Posted in Geschichten Allgemein with tags , , on 2. Juli 2017 by Wortman

„Wo warst du?“ seine Stimme klingt ganz ruhig, unbeteiligt. „Unterwegs.“ Ina antwortet genauso teilnahmslos.
Tim folgt ihr in die Küche und beobachtet jede ihrer Bewegungen. Wie sie ihre Lieblingstasse aus dem Regal nimmt, ein Stück Zucker hinein fallen lässt, einen guten Schuss Milch dazu gießt, wie sie ihren Kopf schief legt und verfolgt wie sich der schwarze Kaffee verfärbt, den sie zum Schluss dazu gibt.
„Und das soll ich dir glauben?“ fragt er leise.
„Glaub was du willst.“
Die Worte fliegen wie eine klatschende Ohrfeige. Ina gibt sich noch nicht mal Mühe unschuldig zu klingen.
„Ich hab’s doch gewusst“ brüllt Tim.
„Wie ein Löwe“, denkt Ina.
Tim geht auf sie zu. Das Gesicht zu einer Fratze verzerrt. Ina duckt sich instinktiv.
„Du riechst nach Sex“, sein Atem schlägt ihr ins Gesicht, wie ein Hieb. „verdammt wer ist das Schwein!“
„Du willst es wirklich wissen?“ Ina richtet sich auf. Jetzt nur keine Angst zeigen.
„Ja“, er schnaubt. seine Hände zu Fäusten verkrampft. Seine Knöchel weiß vor Wut.
„Den mach ich kalt!“ schießt es ihm durch den Kopf. Er schaut in Inas Augen. Kalt und leer.
„Dein Sohn!“ Ein Lächeln umspielt ihre Lippen.
Tim schlägt zu. Blut tropft aus ihrer geplatzten Lippe. Färbt ihr weißes Shirt. Er dreht sich um und geht. Alt, gebeugt, müde.
„Wohin gehst du?“ Ruft Ina.
„Willst du das wirklich wissen?“ denkt er.

© Caroline Susemihl