Bis das der Tod euch scheidet

„Heiraten im Kloster der heiligen Jungfrau. Einzigartig im bayerischen Wald. Bei uns lässt sich der gemeinsame Lebensweg gut beginnen.“
Zufrieden nickte der Tod. Was er da auf der Website des Klosters las, gefiel ihm. Genau so etwas hatte er gesucht. Ein wenig Abwechslung in seinem Alltag. Hin und wieder ein kleiner Scherz.
„Bis dass der Tod euch scheidet“, murmelte er lächelnd, klappte seinen Laptop zu und machte sich auf den Weg.
„Schön habt ihr´s hier!“, rief der Tod erfreut, nachdem er einen ersten Blick auf das ehemalige Benediktinerkloster geworfen hatte. „Ja“, nickte er, „hier hat´s mir schon damals – wann war es noch gleich – irgendwann 1000 Jahre nach dem Tischlerbuben, genau, da war ich das erste Mal hier. So ein Steinmetz, der von einem Steinbrocken erschlagen worden war.“
Dem Tod wurde es nostalgisch im Gebein. Die anderen Jahrhunderte hatte er stets seine Schergen hierher geschickt. Er selbst brauchte Abwechslung und die stand ihm in seinem anstrengenden Gewerbe auch zu. Neugierig sah er sich um. Es hatte sich einiges verändert. Aber diese schöne
Lage in der sich das heutige Tagungszentrum befand, ja, die hatte sich nicht verändert. Und wer glaubt, dass der Tod nicht auch romantische Gefühle haben kann, der irrt.

Und da sah er das glückliche Paar bereits. Die Braut in einem Traum aus weißer Seide, mit einem sehr gewagten Ausschnitt, während der Bräutigam in einem dunkelblauen Frack – waren die nicht immer schwarz? – steckte und eine riesige Fliege vor sich her trug. Nun, wem´s gefiel. Die Geschmäcker waren freilich verschieden. Für den Tod kam ausschließlich schwarz in Frage, selbst in der Freizeit.
„Bis das der Tod euch scheidet“, flötete der Sensenmann mit gespitzten Lippen und warf Arme voll imaginärer Rosen über das Paar.
Da, nun hielten sie Einzug in den wunderschön geschmückten Hochzeitssaal. Warum wurde die Braut eigentlich nicht von ihrem Vater oder einem anderen männlichen Familienmitglied zum Altar geführt? Der Tod zog die Stirn in Falten. An die 100 Gäste und niemand der dies tun konnte? Wahrscheinlich war es eine dieser neumodischen Sitten.
Nun denn, es wurde Zeit, dass er sich auf seine Aufgabe konzentrierte.Während sich der Bräutigam so unauffällig wie möglich mit seinem Einstecktüchlein die Schweißtropfen von der Stirn wischte, lehnte sich der Tod aus seiner Ecke, in der er lauerte hervor und nahm sein Opfer ins Visier.
Die Orgel brauste auf, der Priester drehte sich zu seiner Gemeinde um und bat mit huldvoller Geste, Platz zu nehmen. Stühle wurden über den Steinboden gezogen, Kleider raschelten, leise Flüche von Fußgetrampelten waren zu vernehmen. Auch die Brautleute ließen sich auf den vorm Altar aufgestellten Stühlen nieder.
Die Zeremonie konnte beginnen. Es wurden Gebete gesprochen, Lieder gesungen und Tränen von Taschentüchern aufgesogen. Das Übliche eben. Der Tod verkniff sich nur mühsam ein Gähnen. Endlich rückte die eigentliche Trauung näher. Nun aber rasch, damit es nicht zu spät war. Die Organistin intonierte den Sonnengesang des Franz von Assisi und der Priester sang gefühlvoll sein „Laudato si…“. Der Tod schüttelte sich. Warum durfte ein Mann Priester werden, dessen Stimme des Singens nicht mächtig ist?

Nachdem der letzte Ton verklungen war, begann der Priester die Worte: „Wir sind heute hier zusammen gekommen…“
Der Bräutigam fasste sich an seinen weißen Kragen und zog daran. Erneut war seine Stirn übersät mit Schweißtropfen.
„… um diese Frau und…“
Ein Stöhnen hallte durch den Saal, dem gleich darauf ein dumpfer Aufprall folgte. Die Gäste verstummten für einen Moment, dann ertönten Schreie, aufgeregte Rufe nach einem Arzt und lautes Weinen.
„Bis das der Tod euch scheidet.“ Der Sensenmann blickte zufrieden auf den am Boden liegenden Priester. „Eine neue Variante des alten Spruches.“ Mit einem Lächeln drehte er sich um und verschwand.

©2019 Nicole Vergin

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5 Antworten to “Bis das der Tod euch scheidet”

  1. […] Und auch meine Geschichten sind (meist) harmloser – außer wenn ich auf jemanden richtig sauer bin. Etliche von meinen dunkleren Geschichten schmoren nun schon seit längerem irgendwo in meinem Daten Nirwana und ich hatte sie längst vergessen. Aber dann kam ich mit Wortman (kommt Euch bekannt vor? Richtig! Das ist der, der das Projekt abc wieder ins Leben gerufen hat) ins „Gespräch“ und siehe da, er hat neben seiner Wortman Seite (schaut doch hier mal rein) noch eine Welt jenseits des Happy Ends: die Dunkelwelten. Tja, und dort könnt Ihr nun – wenn Ihr wollt – meine makabre, dunkle Seite kennenlernen. Denn Ihr findet dort die Geschichte: „Bis dass der Tod euch scheidet“. Klick! […]

  2. Bissiger Humor. Wenn man sich dann mal die Worte zu Gemüte zieht….Hab ich noch nie bewusst drauf geachtet….schön schwarz..:-)

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